Kommentar
Krieg der Sprachlosen
Im Bundestag tobt ein Krieg der Worte. Oder ist es nur ein scharfzüngig ausgefochtener Konflikt? Die Regierung ringt sich eine neue Formulierung für den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch ab. „Bewaffneter Konflikt“ soll es nun heißen, verkündet Außenminister Guido Westerwelle (FDP). Er gibt sich selbstzufrieden nach seiner Regierungserklärung, als ob das Finden eines neuen Wortes einen Durchbruch im jahrelangen Kampf um Frieden in Afghanistan bedeuten würde. Doch in Afghanistan dürfte sich kaum jemand dafür interessieren, wie deutsche Politiker das jahrelange Elend in einem der ärmsten Länder der Welt bezeichnen. Selbstmordattentäter der Taliban zersprengen fast täglich die Hoffnung auf eine demokratische Zukunft Afghanistans. In Berlin lähmt sich die Politik derweil mit einer quälenden Frage nach der richtigen Semantik. Nicht das Schicksal ziviler Opfer des durch einen deutschen Offizier befohlenen Bombenangriffs steht im Zentrum des Interesses. Fragen wie: Wer ernährt die Kinder, deren Eltern im Flammeninferno des explodierenden Tanklasters starben – zu einer Zeit, als der Krieg in Berlin als „Stabilisierungseinsatz“ verteidigt wurde? Oder die Frage, wie die Rattenfänger der Taliban davon abgehalten werden können, in diesen Kindern den Hass auf Deutschland weiter anzuheizen. Nein, das ist nicht das Schlachtfeld der politischen Debatte. Dort geht es um das politische Überleben der Akteure. Es soll weiter geprüft werden, näher untersucht werden, noch mehr abgewogen werden – bis am Ende vielleicht wieder eine neue Formulierung gefunden wird. Doch das ganze Wortgerassel täuscht nur über die eigentliche Sprachlosigkeit von Regierung und Opposition hinweg. Sprachlosigkeit darüber, die Ziele des Einsatzes in Afghanistan nicht benennen zu können. Das es keine eindeutige Strategie gibt – außer Selbstschutz und Präsenz-Zeigen. Eine Demokratisierung des durch Stammesrecht und Tradition geprägten Landes hält selbst die Regierung nicht mehr für möglich. Die Opposition fordert den Abzug der Truppen bis 2015 – und streitet darüber, ob das Frist genannt werden darf. Derweil riskieren deutsche Soldaten ihr Leben und ihre Gesundheit weiter im ISAF-Einsatz. Die „uneingeschränkte Solidarität mit den USA“ war nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 der Grund für Deutschland, gegen die Terror-Herrschaft der Taliban zu kämpfen. Neun Jahre und etliche gefallene deutsche Soldaten später plant die Regierung in Kabul, mit den Taliban zu verhandeln. Deren Macht ist so groß geblieben, dass ohne sie kein Staat zu machen ist. In anderen Kulturen, weit weg vom Berliner Reichstag, würde man für diesen Zustand nur ein Wort finden: Niederlage.
